SALZBURG/Festspiele: Kurzbericht „The Bassarids“ - Premiere 16. August 2018

Gewalt auf der Bühne – Akzeptanz im Publikum

Cadmus

Cadmus

Nun erlebte die Opera seria mit Intermezzo in einem Akt, „The Bassarids“ von Hans Werner Henze (1926-2012), die 1966 bei den Salzburger Festspielen ihre UA hatte, eine Neuinszenierung durch den polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano. Es wurde trotz des musikalisch herausfordernden und komplexen Charakters des Werkes ein einhelliger Erfolg für das Creative Team, den Dirigenten mit den Wiener Philharmonikern, und für die Solisten sowie die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor unter der Leitung von Huw Rhys James.

Pentheus, Dionysos und die Tänzerin

Pentheus, Dionysos und die Tänzerin

Malgorzata Szczesníak stellte Warlikowski ein die gesamte Breite der Felsenreitschule einnehmendes dreiteiliges, kammerartiges Bühnenbild in den Farben Grau/Weiß, Rot in der Mitte, und in Grün rechts zur Verfügung, an das sich links der silberne Berg Kytheron anschließt. In diesem Rahmen findet eine ausgezeichnete Personenregie statt, die kaum eine Grausamkeit des Stoffes von Euripides („Die Bakchen“ von 406 v.Chr.) auslässt. So wird u.a. Pentheus von Agave der Kopf mit dem Beil abgehackt, wie es Elektra nicht besser hätte machen können, und seine fleischlichen Überreste in Plastiksäcken Agave und ihrem Vater vorgesetzt.

Intermezzo

Intermezzo

Die Tänzerin Rosalba Guerrero Torres legt einen Erotik-Tanz hin, der zur dazu perfekt komponierten Musik an Exzessivität nichts zu wünschen übrig lässt. Davon könnte sich Romeo Castelucci mit seiner „Salome“, obwohl seine Lösung auch ihren Reiz und ihre Logik hat, aber erst recht Jan Lauwers mit seiner Tanzgruppe SEAD aus der „Poppea“ eine Scheibe abschneiden. Hier wurde alles gewagt und gewonnen. Torres bekam extra starken Applaus. Warlikowski gelingt es, den Verfall der Bürger Thebens und den finalen Untergang durch den nach langer Zeit wieder kommenden Dionysos und seine hedonistischen Verlockungen nachvollziehbar und bisweilen mit erschreckender Plastizität darzustellen.

Pentheus un Dionysos

Pentheus un Dionysos

Kent Nagano am Pult dirigiert dazu mit der nötigen Verve und Energie eine Musik, nicht zuletzt wegen der Henzes Oper für eine der bedeutendsten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehalten wird. Stets ist seine Komposition exakt auf das Geschehen abgestimmt. Es wird besonders dramatisch, aber kaum atonal, wenn es auch auf der Bühne auf eine Spitze zuläuft. Man ortet sogar zwei Basstubas! Es gibt aber immer wieder auch ruhigere und beruhigende, ja ganz und gar harmonische Momente, insbesondere, wenn der exzellente Wiener Chor singt, der im Stile des altgriechischen Chores das Spiel kommentiert. Er ist im Übrigen von Claude Bardouil auch interessant choreografiert, denn er taucht immer in dem Moment in einer der drei Kammern auf, wenn man kaum daran denkt, es aber eben zur Handlung passt. Auch das Licht von Felice Ross und die Videos von Denis Guéguin wirken raffiniert bei dieser Produktion mit, die wie aus einem Guss erscheint und sicher noch intensiver wirkt, wenn man sie ein zweites Mal erlebt. Weniger originell und damit entbehrlich war allerdings die wieder einmal übermäßige Zurschaustellung weißer Unterwäsche, fast einem product placement gleich kommend – mittlerweile auch schon wieder eine postmoderne Stereotype. Ginge es denn nicht wenigstens in Schwarz?! Dramaturgisch und ästhetisch etwas daneben ging auch das Intermezzo.

Agave und Cadmus mit dem Kopf von Pentheus

Agave und Cadmus mit dem Kopf von Pentheus

Unter den guten Solisten ragen Sean Panikkar als Dionysos und Tanja Ariane Baumgartner als Agave und Venus (im Intermezzo) sowie der Gründer Thebens, Cadmus, Willard White, hervor, der hier auch schon den Wotan sang. Nikolai Schukoff als Tiresias und Calliope (im Intermezzo) hatte unverkennbare Höhenprobleme, spielte aber recht gut. Russel Braun ist ein guter Pentheus, aber, wie zu seiner Rolle als nicht ernst genommener König von Theben passend, auch nicht sehr markant. Genau elf Minuten Applaus bei einem Buhruf, der aber auch unentschlossen wirkte. Diese Länge für den Applaus scheint eine Standardzeit in Salzburg zu sein. Es gab sie auch bei der „Poppea“-Premiere. Die Länge dürfte somit nicht unbedingt mit der Wertschätzung des Publikums korreliert sein. (Ganz ähnlich verhält es sich seit Jahren auch in Bayreuth, immer etwa 10-12 Minuten, unabhängig vor der Qualität des Erlebten). Regisseur Warlikowski trat bescheiden zum Applaus an, fast mit gesenktem Kopf – sympathisch! Das Creative Team wurde wie Kent Nagano mit dem Orchester besonders stark beklatscht.

Fotos: Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig

Klaus Billand

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