LONDON/Royal Opera House: “Lohengrin” - Premiere 7. Juni 2018

Gekonntes Wagnersches „Regietheater“ in Covent Graden

König Heinrich

König Heinrich

Das war eine lange und mit großer Spannung erwartete Premiere am Londoner Royal Opera House Covent Garden, der neue „Lohengrin“ in der Inszenierung des US-Amerikaners David Alden, dem früheren „Hausregisseur“ von Sir Peter Jonas in München mit überbordendem Barock-Schwerpunkt, und unter der musikalischen Leitung von Andris Nelsons. Er hatte sich mit Gideon Davey als Kostümbildner und Tal Rosner als Video Designer zusammen getan. Es war die erste Neuinszenierung von Richard Wagners letzter romantischer Oper an Covent Garden seit 1977! Mit Spannung wurde sie aber auch deshalb erwartet, weil Nelsons Frau Kristine Opolais zuerst die Elsa singen sollte und dann zur Ausheilung einer Erkrankung absagte. Sie wurde von einer jungen Britin, Jennifer Davis, ersetzt. Davis wurde die große Überraschung des Abends, denn, gerade erst 2017 aus dem Jette Parker Young Artists Programme hervor gegangen und nach zuletzt solch kleinen Rollen wie Adina, Ifigenia, Arbate, Ines und der Ersten Dame in der „Zauberflöte“, konnte man eine solch beeindruckende Leistung nicht unbedingt erwarten. Davis glänzte mit einem klaren und facettenreichen Sopran, der auch mühelos die nicht immer leichten Höhenanforderungen der Elsa meisterte und zu einem späteren Zeitpunkt bisweilen auch schon die Sieglinde anklingen ließ…. Man möchte ihr aber dennoch raten, es langsam angehen zu lassen und diesen Ausflug ins anspruchsvollere Wagner-Fach erst einmal als Ausnahme anzusehen, die aber auf eine gute Entwicklung hinweist. Auch beeindruckte Davis mit der bei Alden übel behandelten Elsa, die aus einem Verlies hervor geholt wird, um ihr gleich die Augenbinde anzulegen und wie Cavaradossi etwa 450 Jahre später vor ein Erschießungskommando zu führen. Lohengrins Kommen eilte also mehr als üblich.

Telramund

Telramund

Es ist ohnehin bereits Krieg in Brabant. Darauf weist ebenso ein kriegsversehrtes Bein des Heerufers hin wie zwei von Paul Steinberg in Szene gesetzte absinkende Fassaden alter Häuser, die gerade hier in London an die Einschläge der V2 im II. Weltkrieg erinnerten. Der ebenfalls aus dem Jette Parker Young Artists Programme hervor gegangene Litauische Bassbariton Kostas Smoriginas sang den Heerrufer zwar mit kräftiger, aber leicht verquollener Stimme. Wenn die beiden Wände zurück wichen, wurde ein nachdenklich grübelnder Lohengrin sichtbar, der angesichts dieser Umstände offenbar schon zu Beginn seiner Mission an deren Erfolg zweifelte. Man hat am ROH natürlich den Top-Lohengrin „vom Dienst“ engagiert, Klaus Florian Vogt. Mit seinem ätherischen Timbre, das doch eher an einen etwas dramatischeren Mozart- als an einen Wagnersänger erinnert, ist er mittlerweile zu Recht eine Inkarnation des Schwanenritters geworden. Allerdings muss ich sagen, dass sich sein Timbre wieder zu helleren Klängen entwickelt hat, nachdem ich ihn in Bayreuth und den letzen Jahren doch dunkler und dramatischer wahr genommen habe. Die Intensität, mit der Vogt den Lohengrin spielte, insbesondere in der sich immer mehr zuspitzenden gesanglichen „Diskussion“ mit Elsa im 3. Akt – das macht ihm derzeit allerdings niemand nach! Er hat die Rolle im Körper!

Lohengrin erscheint

Lohengrin erscheint

Georg Zeppenfeld war wie immer als König Heinrich exemplarisch im Ausdruck seines edlen und hochkultiviert gesungenen Basses mit einem etwas helleren Timbre. Wahrscheinlich derzeit die Bestbesetzung des Voglers, und nicht nur seine. Er trägt eine schlichte Krone, scheint sich aber immer wieder – verängstigt vom Ernst der Lage – in seinem königlichen Hermelinmantel verkriechen zu wollen, ein guter dramaturgischer Einfall. Das Entsetzen in Zeppenfelds Mimik mit seinen weit aufgerissenen Augen auf dem Thron ist einfach eindringlich! Bemerkenswert ist im 1. Akt noch die totale Demütigung des Telramund nach seinem verlorenen „Kampf“ mit Lohengrin. Das hat Alden wahrlich erschreckend echt inszeniert. Man bindet vor aller Augen den gescheiterten Grafen von Brabant an einen Stuhl und malt ihn mit einer orangen Signalfarbe an. Jeder Wanderer weiß, was das bedeutet. So werden die Bäume markiert, die zum Fällen frei gegeben werden… Telramund ist schon jetzt vogelfrei, nicht erst als der Heerrufer ihn auf Heinrichs Befehl hin in „Acht und Bann“ wirft.

Ortrud

Ortrud

Im 2. Akt sieht man die beiden großen Hauswände von der Innenseite, abgestützt, um letztem Verfall vorzubeugen, wie man das von alten, zu erhaltenden Bauten kennt, die ausgekernt werden, ohne die Fassade zu ruinieren. Hier ist das, was man nicht mehr haben will, was eigentlich entkernt werden soll, verschwinden soll. Hier spielt sich also nun die Tragik des „dunklen Paares“ ab, und diese habe ich in solcher Intensität kaum je gesehen. Optisch und dramaturgisch etwas abwegig sieht man zunächst Ortrud in Gestapo-Manier an einem Schreibtisch sitzend, Akten wälzend, als würde sie einen Delinquenten verhören. Man kennt das von den alten Filmen. Die Akten landeten in der Schublade – das alles war etwas grenzwertig. Aber Alden zieht mit zwei überaus intelligenten Sängerschauspielern eine Nummer auf, die unter die Haut geht.

Brautzug

Brautzug

Nie habe ich einen wilder verzweifelten Telranund erlebt als den von Thomas J. Mayer. Von einem sich dem Zauberweibe völlig ergebenden Häufchen Elend – Kopf in ihrem Schoß, den sie ihm auf einem Stuhl sitzend obszön entgegen streckt – bis zum allerdings immer noch an der Rechtmäßigkeit des Vorgehens Zweifelnden, zeigt Mayer alle Schattierungen, die man dieser Rolle angedeihen lassen kann. Eben auch die des Zweiflers, eines, der die Unrechtmäßigkeit seines Handelns erkennt, aber nicht mehr aus dem Gang der Dinge heraus kommt. Daran muss er scheitern. So ist er einmal nahezu bereit, Ortrud zu strangulieren. Seine ambivalentes Verhalten zu ihr wird bestens heraus gearbeitet. Hinzu kommt Mayers prägnanter und klar artikulierender Heldenbariton, der ihn zu einem herausragenden Rollenvertreter macht. Er weiß mit der Stimme Stimmungen klar nachvollziehbar zu erzeugen und damit den Zuhörer in das Geschehen hinein zu ziehen. Die orange Signalfarbe haftete ihm weiter an – er ist das Opfer und muss letztendlich an seiner fehlenden Souveränität auch untergehen. Man merkte deutlich, dass ihm das weitere Vorgehen seiner Frau missfällt und bereut, mit dabei zu sein.

Elsa und Ortrud

Elsa und Ortrud

Christine Goerke, an großen Häusern oft als Brünnhilde unterwegs, kann nicht ganz dem stimmlichen Niveau Mayers entsprechen. Sie hat zwar einen großen heldischen Sopran mit breiter Ausdruckspalette und auch mit guten Ausflügen in die Mezzolage – immerhin singt sie Ortrud. Ihr Ausruf „Gott“ klang wie das „Und lachte!“ von Kundry im „Parsifal“. Auch das „Elsa“ im 2 .Akt konnte unter die Haut gehen. Gleichwohl gerieten die „Entweihten Götter…“ etwas grell. Die Topnote am Schluss habe ich auch schon voller gehört. Auch ihr „Kehr heim…“ im Finale klang weniger voll als nur laut. Und bei ihrem dramatischen Vorstoß in den Brautzug waren doch in der unteren Lage Klangverluste zu bemerken. Das ist übrigens auch der Moment, wo die Nazi- und damit alte Klischees suggerierende Flaggen von Lohengrin von der Decke fallen und unter ihnen einen kleinen Gottfried (Michael Curtis) preisgeben. Er hebt das Schwert Telramunds bedrohlich in die Höhe – da war Ortrud schon leblos zusammen gesunken. Und Elsa machte es ihm nun nach. Eine neue Herrschaft über die Brabanter ward also nicht geboren. Ähnlich wie Neuenfels in Bayreuth mit seinem Ratten-Labor kommt Alden also auch zu einem negativen Schluss.

Lohengrin

Lohengrin

Im 3. Akt erleben wir ein klinisch aseptisches Brautgemach mit Doppelbett. Aber der Chor ist so überzeugt, dabei sein zu müssen/wollen, dass er Elsa und Lohengrin sogar zu einer kleinen Tanzeinlage zwingt – entbehrlich! Ebenso wie die post-stereotypen Putzkolonnen mit Aufnehmern die Bühne betreten. Die Szene und das Brautgemach-Design muteten wie eine Parodie an – und die war es wohl auch. Umso stärker geriet dann das Zwiegespräch der beiden. Die hohe Produktivität des Jette Parker Young Artists Programme wird offenbar, wenn man liest, dass auch alle vier brabantischen Edlen, Gefolgsmänner des Telramund, dieses Programm absolviert haben. Zudem könnte eine Globalisierung der Oper kaum vollkommener sein: die Südkoreaner Konu Kim sang, den Ersten, der Neuseeländer Thomas Atkins den Zweiten, der Ungar Gyula Nagy den Dritten und der Südafrikaner Simon Shibambu den Vierten Edlen, und alle waren gut. Auch die Brautjungfern machte ihre Sache ansprechend. Insgesamt war dieser „Lohengrin“ auch deshalb ein Erlebnis, weil der vom William Spaulding einstudierte Royal Opera Chorus einen ganz großen Tag mit kräftigen Stimmen und äußerster Präzision hatte und auch exzellent von Maxine Braham choreografiert wurde. Der Chor riss das Geschehen oft mit.

Lohengrin geht...

Lohengrin geht...

Andris Nelsons am Pult des Orchesters des Royal Opera Hauses ließ einen oft dramatischen „Lohengrin“ hören und suchte immer die Einheit mit dem Bühnengeschehen. Dabei begann es erst mal mit einem fast lyrisch musizierten Vorspiel, als sei es heilig, aber vielleicht ist es das ja auch… Großartig musikalisch gelang auch das Erscheinen Lohengrins mit der Dynamik des Chores im 1. Akt. Das Vorspiel zu 2. Akt war düster und voll von der Verzweiflung getragen, die Ortrud und Lohengrin hier beschäftigt. Zu Beginn des 3. Aktes bekam Nelsons zu Recht Auftrittsapplaus des völlig ausverkauften Hauses. Am Schluss gab es begeisterten Applaus, den meisten für Jennifer Davis, dann Goerke, Vogt, Mayer sowie einen besonders starken Applaus für Nelsons und das Orchester. Wenn nur die Sitzreihen im Rang etwas geräumiger wären, könnte man das Ganze auch etwas entspannter erleben… Das ROH jedenfalls kann sich prinzipiell über diesen „Lohengrin“ freuen.

Fotos: Clive Barda

Klaus Billand