WIEN/Staatsoper: Publikumsgespräch mit Staatsoperndirektor Dominique Meyer – 21. Dezember 2017

Dominique Meyer

Dominique Meyer

Kurz vor Weihnachten wollte die Direktion der Wiener Staatsoper das Publikum noch einmal auf den neuesten Stand der Dinge bringen und auch das im letzten Quartal Erreichte Revue passieren lassen. Das Gespräch fand auf der Agrana Studiobühne in der Walfischgasse statt.

Gleich zu Beginn kommt D. Meyer auf die überaus erfolgreiche Japan-Mission zu sprechen, in deren Rahmen es neun Vorstellungen gab und die einen guten finanziellen Ertrag erbrachte. „Also die Regierung darf nicht jammern“.

Dann ging er auf zwei bedeutende Neuerungen der letzten Monate ein, die Renovierung des Eingangsfoyers und die Installation der Tablets für die Übersetzung in sechs Sprachen.
Die Renovierung des Eingangs war Meyer ein ganz besonderes Anliegen, aber von seinem ersten Treffen mit der Chefin des Denkmalamtes bis zum Beginn der Arbeiten vergingen immerhin acht Jahre. Die Arbeiten an sich dauerten länger als vorgesehen, da der Zustand oft schlechter war als man annehmen konnte. Das zuvor recht dunkle Eingangsfoyer wurde auch neu und heller beleuchtet, um die Besucher schon beim Betreten des Hauses und nicht erst an der Feststiege in festliche Stimmung zu versetzen. Im kommenden Jahr sollen also das Schwind-Foyer und die Loggia renoviert werden. Hier ist die Aufgabe viel komplizierter, da nach dem Krieg beim Wiederaufbau der Oper alles sehr schnell und nicht mit dem heute verfügbaren wissenschaftlichen Stand wieder hergestellt wurde. Vieles wird momentan auch dank der Holding gemacht. So wird beispielsweise der Stuck in den Foyers gerade renoviert.
Die Erstellung der Tablets für die Übersetzungen mit einer größeren Schrift stellte sich auch als sehr kompliziert dar. Außerdem konnte man nicht einfach die Texte für die Opern kaufen, sie mussten auf die jeweilige in Wien gespielte Fassung des Werkes angepasst werden. Nun ist die Wiener Staatsoper die einzige mit sechs Sprachen auf der Welt. Sie wird dafür von anderen Opernhäusern in der Welt bewundert.

Premieren
Anschließend ging Dominique Meyer auf die drei Premieren der Herbstmonate ein und stellte besonders den „Spieler“ von Dostojewski hervor, der somit die erste Dostojewski-Eigenproduktion der Wiener Staatsoper wurde. Meyer ist sehr glücklich mit der Produktion, die vor allem eine große Ensembleleistung war. Die „Lulu“ war zwar keine Premiere aber er wollte diese Fassung mit dem Cerha-Akt unbedingt haben. Er sah die dreiaktige Fassung bereits als Student in Paris mit Chéreau als Regisseur und Pierre Boulez als Dirigent sowie Teresa Stratas als Lulu. Es war eine unvergessliche Aufführung, er sah damals auch alle Reprisen. Schon damals wurde ihm klar, dass die dreiaktige Fassung berechtigt und nötig ist, um das ganze Stück zu verstehen. Meyer war auch sehr glücklich mit Ingo Metzmacher als Dirigent, der exzellent mit dem Orchester zusammen arbeitet. Schließlich gab es noch eine Ballett-Premiere.

Repertoire
Was das Repertoire betrifft, hob Meyer die „Adriana Lecouvreur“, den „Troubadour“ sowie die Strauss-Tage hervor. Diese waren ihm ein großes Anliegen. Und das geht auch nur an einem Hause wie der Wiener Staatsoper, weil das Orchester bei einigen Werken ohne und anderen mit nur einer Orchesterprobe auskommt. So können alle Stücke so eng hintereinander gespielt werden. Er erwähnte aber auch, dass die Bayerische Staatsoper noch unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch alle Strauss-Opern in einem Zyklus gespielt hat.

Hausdebuts
Hier nennt er zunächst Bernhard Richter in „Pelléas und Melisande“. Christiane Karg, die Meyer schon lange kennt, hatte er angeboten, ins Ensemble zu kommen, aber sie wollte nicht mehr in ein Ensemble. So war er glücklich, ihr die Rolle in „Pelleas und Melisande“ anbieten zu können. Dann gab es viele neue Sänger und Sängerinnen im „Spieler“ von Dostojewski. Er hebt Lise Davidsen in „Ariadne auf Naxos“ hervor, die The Queen Sonja International Music Competition in Oslo und die Operalia von Placido Domingo in London gewonnen hatte. Nachdem sie zunächst krankheitsbedingt eine Aufführung absagen musste, war sie eine hervorragende Ariadne mit viel Entwicklungspotenzial. Erin Morley war zudem eine ausgezeichnete Zerbinetta. Schließlich erwähnt Meyer noch das Hausdebut des österreichischen Tenors Andreas Schager, jenes von Thomas Tatzl in der „Zauberflöte“ und das von Anna Gabler als Arabella.

Dirigenten
Dominique Meyer ist begeistert von Evelino Pidò, der zunächst Fagottist in der Mailänder Scala war, zur Zeit von Claudio Abbado. Auch Carlos Kleiber dirigierte zu jener Zeit oft an der Scala. Meyer arbeitet mit Pidò schon seit 1995 und schätzt seine gute Einarbeit mit den Sängern. Das Wiener Orchester liebt ihn. Auch Ingo Metzmacher steht hoch im Kurs beim Staatsoperndirektor, ähnlich wie Simone Young, die die „Daphne“ dirigierte. „Sie ist vom ersten bis letzten Probentag da!“ Peter Schneider sollte zunächst auch die „Fledermaus“ dirigieren, die er aber später zurück gab, da er das Werk lange nicht gespielt hatte. Nun hat es Ádam Fischer übernommen.

Der Strauss-Zyklus ist nun beendet, und es kommen die für die Weihnachtszeit typischen Werke. Im Jahre 2018 gibt es mit dem Ballett „Peer Gynt“ die erste Premiere am großen Haus. Dann kommt die Kinderoper „Cinderella“ auf der Agrana Studiobühne von der erst 13jährigen Komponistin Alma Deutscher. Man konnte sie bewegen, von der dreistündigen Fassung eine einstündige für die Kinder zu machen. Denn mehr als eine Stunde hält Meyer für Kinder nicht zumutbar. Sodann folgt die dritte Premiere am großen Haus, „Ariodante“ von Händel, die Dominique Meyer für eine der schönsten Händel-Opern hält. Der Dirigent William Christie brachte Meyer zur Barockoper, einem Stück von Lully. Damals war unter anderen Marc Minkowski im Orchester, neben anderen Musikern, die später Dirigenten wurden. Meyer hat mit Christie viel in Paris gearbeitet. Der Regisseur David Vicar ist ein international anerkannter Opernregisseur und hat bereits viel an großen Häusern gearbeitet. Er hat für Meyer die Opern „Semele“ und „Agrippina“ in Paris inszeniert.

Dann zeigt der Staatsoperndirektor dem Publikum noch einige Neuerscheinungen der Wiener Staatsoper wie eine DVD von „Don Quixote“, eine DVD der Kinderoper „Patchwork“, ein Buch über die von Spielzeit zu Spielzeit wechselnden Vorhänge in der Staatsoper, eine CD mit Titeln gesungen von Nina Stemme. Das Fotobuch wird wieder im Monat Juli erscheinen und detailliert über alle Aufführungen Aufschluss geben.

Meyer erwähnt auch den 100. Geburtstag von Hilde Zadek, zu dessen Anlass eine kleine Ausstellung arrangiert wurde. Man will noch eine zweite CD über die italienische Oper bringen sowie ein Portrait von Dmitri Hvorostovsky. Eine Veröffentlichung des „Maskenballs“ mit ihm konnte leider nicht realisiert werden. Ferner bereitet man eine historische Aufnahme von „Lucia di Lammermoor“ vor.

Einige Publikumsfragen schlossen sich an, u.a. über die Vorhänge. Hier stellte Meyer fest, dass die wechselnden Vorhänge weiter gehen und gelegentlich auch der Eisenmenger-Vorhang gezeigt wird. Über die Vorhänge entscheidet eine Jury, die von Museum in Progress organisiert wird.

Mit einem gewissen Stolz erwähnt er noch, dass soeben die 999. Vorstellung des „Rosenkavalier“ erfolgte und 2018 somit die 1000. folgen wird. Zu diesem Anlass ist eine Tagung in Wien geplant, um die Geschichte der Oper in Wien zu thematisieren.

Foto: Klaus Billand

Klaus Billand

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